Haben wir je wirklich in Ursache und Wirkung gelebt? Oder hat uns die Welt nur glauben lassen, dass es so ist?
Früher war zwischen Handlung und Rückkopplung genug Zeit, um uns sicher zu fühlen. Unsere Systeme waren träge genug. Heute fällt diese Verzögerung weg.
Ein Tweet kann einen Aktienkurs kippen.
Ein Stau in Schanghai legt eine Fabrik in Stuttgart lahm.
Ein Algorithmus entscheidet, wer sichtbar ist – und wer nicht.
Die Welt hat ihre Verzögerung verloren. Unmittelbarkeit ist das neue Normal.
Und der Einzige, der in dieser Welt noch den Unterschied machen kann, ist der Mensch. Nicht, weil er alles weiß – sondern weil er spüren, verbinden, deuten kann.
Ausgerechnet den managen wir wie eine Ressource. Wir messen ihn in Stunden, bewerten ihn in Zielen, kontrollieren ihn in Dashboards – und wundern uns, dass Wirksamkeit erodiert.
70% aller Arbeitnehmer in Deutschland würden lieber heute als morgen ihren Job wechseln.
60 % der Beschäftigten spüren wenig bis keine emotionale Bindung zu ihrer Arbeit.
80 % aller Transformationsprojekte scheitern.
Und wir führen mit einem Betriebssystem aus der Dampfmaschinenzeit. Egal was passiert – wir machen weiter. Als könnte man Zukunft reparieren, wenn man nur noch ein bisschen schneller läuft.
Das ist unser linearer Bias: der Glaube, dass morgen eine Verlängerung von gestern ist. Wie der Frosch im lauwarmen Wasser – er springt nicht raus, weil’s nicht plötzlich heiß wird. Es wird nur jeden Tag ein bisschen wärmer. Und wir nennen das Fortschritt.
Und während das Wasser wärmer wird, reden wir über New Work. Wir tragen Jeans statt Anzug, duzen uns im Workshop, stellen Tischkicker in die Kantine – und nennen es Kulturwandel.
Wir optimieren uns nassgeschwitzt, reden uns modern, und schlauschwätzen uns die Welt schön. Und wenn es doch mal unbequem wird, policen wir den Ton. Wir achten auf Formulierungen, auf Trigger, auf Wortwahl – und verlieren das Thema.
Wir verwechseln Verletzungsfreiheit mit Verbindung, und Höflichkeit mit Haltung. So bauen wir noch mehr Konventionsdruck auf – und wieder fließt Energie ab. Hirnareal und Aufmerksamkeit weg von dem, worum es eigentlich gehen müsste: Wirkung.
Und unter all dem: liegen einzigartige Möglichkeiten und ein Erfolgspotenzial, das kaum einer sieht. Zugedeckt von unserem ästhetischen Optimieren, unserem egogetriebenen Modernsein und unserer Angst, anzuecken.
In fast jeder Organisation schlafen 25–30 % ungenutzte Lebendigkeit – 25–30 % erfolgspotenzial. Nicht im Markt. Nicht in der Technik. Im Miteinander. In der Beziehung. Im Mut, echt zu werden.
Vielleicht ist das das eigentliche Drama: Nicht, dass zu wenig da wäre – sondern, dass wir das Vorhandene nicht mehr spüren.
Vielleicht wäre jetzt der Moment, aufzuhören, die Maschine zu reparieren – und zu begreifen, dass wir selbst der lebende Organismus sind.
Dass Organisationen keine Zahnräder sind, sondern Nervensysteme. Dass Erfolg nicht aus Kontrolle entsteht, sondern aus Resonanz. Dass Zukunft nicht geplant wird, sondern entsteht – wenn Menschen wieder spüren dürfen, dass sie gemeint sind.
Vielleicht ist das der Anfang. Endlich Anfänger sein.